Zeiten des Lebens

lebenszeitenDie Zeiten des Lebens haben für mich die Ähnlichkeit mit einem Tagesablauf: während manche morgens flott aus den Federn kommen, tun andere sich schwer damit. Dann aber ist die Euphorie über den noch jungen Tag oft groß: Unendlich viel Zeit steht zur Verfügung, viele Möglichkeiten stehen offen, im Vollbesitz der Kräfte wächst die Freude an der Arbeit der Verwirklichung. Alltagsgeschäfte lassen sich nebenher erledigen bis unversehens die Mittagspause da ist. Ein Nachmittag schließt sich an, der sich endlos hinziehen kann. Trägheit stellt sich ein, Müdigkeit lähmt die Glieder, eine gähnende Leere tut sich unerwartet auf, wie ist sie durchzustehen? Der Nullpunkt des alltäglichen Lebens wird von der plötzlichen Erkenntnis durchbrochen, dass der Tag zu Ende geht und eigentlich noch so viel zu tun wäre. Keine Panik, nach dem Abendessen steht dafür der Rest des Tages zur Verfügung. Vordringlicher ist abends, dann allerdings der Gesprächsbedarf in der Familie, im Freundes- und Bekanntenkreis, bis sich Müdigkeit breitmacht und nichts Anderes mehr übrig bleibt, als sich dem Schlaf zu ergeben.

Ist da nicht eine gewisse Ähnlichkeit zu den Zeiten des Lebens, natürlich sind diese individuell höchst unterschiedlich und sie sind bestimmt auch anders und feiner einzuteilen. Ist das erste Viertel des Lebens nicht der frühe Morgen? Selbst wenn das Aufstehen mühsam ist, stehen dem jungen Menschen in den ersten Jahren und Jahrzehnten seines Lebens zahllose Möglichkeiten offen: Alles kann aus ihm werden! Es ist ein Leben im Vollgefühl des offenen Horizonts, die Zeit eines möglichen Könnens. „Ich kann das“, heißt in dieser Zeit: Ich könnte, wenn ich nur wollte.

Der Übergang zum zweiten Viertel des Lebens vollzieht sich als fliegender Wechsel und erst am späten Vormittag, so um den 30. Geburtstag herum, stellt sich die Ahnung ein, dass der Horizont nicht auf Dauer offen bleiben wird, wie es lange den Anschein hatte. Das ist nicht an die Jahreszahl gebunden, die zeitliche Schwankungsbreite ist groß, aber erstmals bricht die Frage auf: Welche Pläne lassen sich noch realisieren? Die Zeit drängt wenn es darum geht langwierige Projekte in Angriff zu nehmen, etwa eine Familie zu gründen und berufliche Ziele zu erreichen. Der innere Druck ist groß, endlich Festlegungen zu treffen und in der Beziehung zu sich, zu Anderen und zur Welt an der Umsetzung von Ideen und Zielen zu arbeiten, sofern überhaupt jemals etwas verwirklicht werden soll. Kennzeichnend für diese Phase finde ich, ist der Abschied vom „Ich könnte, wenn ich nur wollte“ um ein wirkliches Können unter Beweis zu stellen. „Ich kann das“ heißt jetzt, tatsächlich etwas zu verwirklichen. Meist geht damit ein starkes Gefühl von mitten im Leben zu stehen einher.

Im vollen Lauf überquert der Mensch dann zwischen 40 und 50 Jahren die Mitte des Tages, die Hälfte des Lebens. Von nun an wird die Zahl der kommenden Jahre immer kleiner sein als die der vergangenen. Oft geht das Einstimmen von Körper, Seele und Geist auf eine neue Lebensphase mit Turbulenzen einher die an die Irritationen der Pubertät erinnern. Auf viele wirkt die Zeit in der das Lebensgefühl nach einem üppigen Mittagsmal gesättigt und vielleicht auch etwas gelähmt ist, wie ein Schock. Was lange ein nach vorne offen und der Zukunft zugewandtes Leben war wird mehr und mehr nach vorne enger und folglich der Vergangenheit zugewandt. Von: wie wird mein Leben sein? Was möchte ich erreichen? Zu: Wie verlief mein Leben? Was habe ich bisher erreicht?

Das Verändern der Lebenssituation und die neuen körperlichen und seelischen Erfahrungen wirken sich prompt auf die Sicht von Leben und Welt aus. Diese Sicht ist oft so dominant, dass eine andere kaum vorstellbar erscheint. Das Wissen um die Begrenztheit des Lebens wächst – und bleibt doch weiterhin sehr theoretisch, denn praktisch liegt die Grenze noch in weiter Ferne.

Die Begrenztheit wurde mir heute sehr drastisch aufgezeigt. Ein liebevolle, ehrliche, weltoffene und lebensbejahende junge Frau mit einer zu Herzengehenden Art hat ganz unverhofft den Atem des Lebens ausgehaucht. Fassungslos und traurig sage ich Dir von Herzen Danke für Dein mitreissendes Lachen, Dein bereicherndes Sein!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.